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Idealismusschmiede in der Philosophen-WG

Hegel, Hölderlin und ihre Tübinger Studienjahre

Friedrich Hölderlin und Georg Wilhelm Friedrich Hegel, beide 1770 geboren – der eine im März, der andere im August –, verbrachten fünf gemeinsame Studienjahre am Evangelischen Stift in Tübingen. Beide sollten sie Theologen werden. Aus dem einen wurde ein Dichter, aus dem anderen ein Philosoph. Die Sprache, ihr Einfluss auf unser Denken und wie wir mit ihr die Welt erfassen können, beschäftigte sie beide in ihren Werken und ihrem gegenseitigen Gedankenaustausch. Mit dem gerade einmal 15-jährigen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und sieben weiteren Stipendiaten bezogen sie 1790 eine der engen beheizbaren Winterstuben.

Mömpelgarder Sphäre
Wiedertäufersphäre
Hafnerstube
Erkerstube
Sommermuseen
Repetenten-Kabinett
Winterstuben
Thüringer Wäldle
Ritterstube
Schneiderstube
Fruchtkästen
Repetentenschlafkammer
Registratur
Vogelstube
Konvertitenstube

Die Namen der Zimmer im Evangelischen Stift um 1788

Von Enge, Unterdrückung und strenger Disziplinierung war der Studienalltag am Tübinger Stift geprägt. Im Hintergrund ereigneten sich währenddessen zwei gewaltige Revolutionen: Die Französische, mit der die gesellschaftlichen und politischen Ordnungen radikal infrage gestellt wurden, und die durch Kant hervorgerufene Revolution der Denkungsart. In den gemeinsamen Gesprächen machten die drei jungen Denker die Freiheit zu ihrem großen Thema und entwickelten, was später als die Keimzelle des deutschen Idealismus erkannt wurde.

Die Ausstellung geht den Tübinger Anfängen der beiden Geistesgrößen nach, zeigt, wie sie sich gegenseitig in ihrem Denken beeinflusst haben und wie sie heute gelesen und betrachtet werden.

Begegnungen mit Hegel und Hölderlin

Zur Ausstellungseröffnung blicken Tübinger Philosophie-Studierende von heute auf die Philsophie-Studierenden von einst zurück und lesen aus eigens dazu verfassten Texten.

Einführung in die Ausstellung

Dr. Sandra Potsch, Leiterin des Hölderlinturms

Hegel & Hölderlin theoretisch

Prof. Dr. Ulrich Schlösser, Lehrstuhlinhaber am Philosophischen Seminar Tübingen

Hegel lesen. Ein Erfahrungsbericht

Ana Munte, Philosophie-Studentin in Tübingen

Unendliche Scham

Anna-Lisa Sander, Philosophie-Studentin in Tübingen

Geisterfeuer

Emma Kroll-Reiser, Philosophie-Studentin in Tübingen

Von eindrücklichen Zeichen und mittäglichen Ansagen

Anita Watzel, Philosophie-Studentin in Tübingen

Der unendliche Schmerz

Florian Neuner, Philosophie-Doktorand in Tübingen

Drei Freundschaften in Briefen

Was die drei jungen Studenten umtrieb, wie und in welchem Ton sie miteinander debattierten, dokumentieren die Briefe, in denen sie auch nach Verlassen des Stifts in Kontakt blieben. Politik und Gesellschaftskritik, die Philosophen der Aufklärung und die Jenaer Größen Fichte, Goethe und Schiller standen im Zentrum. Aber auch eigene Projekte, Lektüren, Begegnungen und Ansichten wurden ausgetauscht.

Daneben kann in den Briefen auch das Zusammen- und Auseinanderdriften ihrer Freundschaft verfolgt werden. Während Schelling durch Goethes Unterstützung mit 23 Jahren eine Professur in Jena ergatterte und Hegel später den Weg dorthin bahnte, gelang es Hölderlin nicht, seinen Lebensunterhalt mit seinen literarischen Produktionen zu bestreiten.

  1. 1790

    Hölderlin, Hegelund Schelling beziehen im Herbst eine gemeinsame Stube.

  2. Tübingen, 16. November 1790

    Hölderlin an seine Schwester

    Heute haben wir großen Markttag. Ich werde, statt mich von dem Getümmel hinüber und herüberschieben zu lassen, einen Spaziergang mit Hegel, der auf meiner Stube ist, auf die Wurmlinger Kapelle machen wo die berümte schöne Aussicht ist. Wie mirs auf meiner Stube gefalle? Herrlich, liebe Rike. Mein Repetent ist der beste Mann von der Welt. Das Zimmer ist eins der besten, liegt gegen Morgen, ist ser geräumig, und schon auf dem zwoten Stokwerk. Sieben von meiner Promotion sind drauf. Ich darf Dir nicht erst sagen, daß das angenemer ist, als 6 andere Unbekannte. Und die Wenigen andern sind auch brave Leute, darunter Breier und Schelling.
  3. 1793

    Auf Schillers Vermittlung erhält Hölderlin eine Hauslehrerstelle bei Charlotte von Kalb, die zunächst Hegel bekommen sollte.

    Hegel wird Hauslehrer in der Schweiz. Den Winter verbringt er in Bern, den Sommer am Bieler See. Auf Tells Spuren wandert er an den Ort des legendären Rüttli-Schwurs eine Wanderung, die Hölderlin als Student von Tübingen aus unternommen hatte.

    1794

    Schelling veröffentlicht seine erste Abhandlung ›Über die Möglichkeit einer Form der Philosophie überhaupt‹ und im Jahr darauf ›Vom Ich als Princip der Philosophie‹.

  4. Waltershausen an der Saale, 10. Juli 1794

    Hölderlin an Hegel

    Lieber Bruder! Ich bin gewis, daß Du indessen zuweilen meiner gedachtest, seit wir mit der Loosung – Reich Gottes! von einander schieden. An dieser Loosung würden wir uns nach jeder Metamorphose, wie ich glaube, wiedererkennen. […]

    Du bist mer mit Dir selbst im Reinen, als ich. Dir ists gut, irgend einen Lärm in der Nähe zu haben; ich brauche die Stille. An Freude fehlt es mir auch nicht. Dir gebricht sie nirgends.

    Deine Seen und Alpen möchte ich wol zuweilen um mich haben. Die grose Natur veredelt, und stärkt uns doch unwiderstehlich. Dagegen leb’ ich im Kreise eines seltnen, nach Umfang und Tiefe, und Feinheit, und Gewandtheit ungewöhnlichen Geistes. Eine Frau von Kalb wirst Du schwerlich finden in Deinem Bern. […]

    Meine Beschäftigung ist jezt ziemlich konzentrirt. Kant und die Griechen sind beinahe meine einzige Lectüre. Mit dem ästhetischen Theile der kritischen Philosohie such’ ich vorzüglich vertraut zu werden.

  5. 1795

    Hölderlin macht in Jena Bekanntschaft mit Schiller und Goethe und hört die Vorlesungen von Fichte.

    Hegel erwägt, die ungeliebte Hauslehrerstelle aufzugeben und als Repetent nach Tübingen zurückzukehren, was ihm Hölderlin ausredet.

  6. Tübingen, 6. Januar 1795

    Schelling an Hegel

    Überhaupt scheinen unsre alte Bekannte uns nimmer zu kennen. […] Hölderlin – ich vergeb es seiner Laune, daß er unsrer noch nie gedacht hat. Hier meine Hand, alter Freund! Wir wollen uns nimmer fremd werden! Ich glaube sogar, wir könnten uns indeß neu geworden sein: desto besser zum neuen Anfang!

    Willst Du wissen, wie es bei uns steht? Lieber Gott […] Wir erwarteten alles von der Philosophie und glaubten, daß der Stoß, den sie auch den Tübinger Geistern beigebracht hatte, nicht so bald wieder ermatten würde. Es ist leider so! Der philosophische Geist hat hier bereits seinen Meridian erreicht…

  7. Bern, Januar 1795

    Hegel an Schelling

    Was Du mir von dem theologisch-Kantischen […] Gang der Philosophie in Tübingen sagst, ist nicht zu verwundern. […] Aber ich glaube, es wäre interessant, die Theologen, die kritisches Bauzeug zur Befestigung ihres gotischen Tempels herbeischaffen, in ihrem Ameisen-Eifer so viel [als] möglich zu stören, ihnen alles [zu] erschweren. […]

    Hölderlin schreibt mir zuweilen aus Jena, ich werde ihm wegen Deiner Vorwürfe machen; er hört Fichte’n und spricht mit Begeisterung von ihm als einem Titanen, der für die Menschheit kämpfe und dessen Wirkungskrais gewis nicht innerhalb der Wände des Auditoriums bleiben werde. Daraus, daß er Dir nicht schreibt, darfst Du nicht auf Kälte in der Freundschaft schließen, denn diese hat bei ihm gewis nicht abgenommen, und sein Interesse für weltbürgerliche Ideen nimmt, wie mirs scheint, immer zu.

    Das Reich Gottes komme und unsere Hände seyen nicht müßig im Schoose! […] Vernunft und Freiheit bleiben unsre Losung, und unser Vereinigungspunkt die unsichtbare Kirche.

  8. Jena, 26. Januar 1795

    Hölderlin an Hegel

    Göthen hab’ ich gesprochen, Bruder! Es ist der schönste Genuß unsers Lebens, so viel Menschlichkeit zu finden bei so viel Größe. Er unterhielt mich so sanft und freundlich, daß mir recht eigentlich das Herz lachte, u. noch lacht, wenn ich daran denke. Herder war auch herzlich, ergriff die Hand, zeigte aber schon mer den Weltman; sprach oft ganz so allegorisch, wie auch Du ihn kennst; […]

    Fichtens spekulative Blätter – Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre – auch seine gedrukten Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten werden Dich ser interessiren. Anfangs hatt’ ich ihn ser im Verdacht des Dogmatismus; er scheint, […] auch wirklich auf dem Scheidewege gestanden zu seyn, oder noch zu stehn – er möchte über das Factum des Bewußtseins in der Theorie hinaus, das ist eben so gewis, und noch auffallender transcendent, als wenn die bisherigen Metaphysiker über das Daseyn der Welt hinaus wollten – sein absolutes Ich (= Spinozas Substanz) enthält alle Realität; es ist alles, u. außer ihm ist nichts; es giebt also für dieses abs[solute] Ich kein Object, denn sonst wäre nicht alle Realität in ihm; ein Bewußtsein ohne Object ist aber nicht denkbar, und wenn ich selbst dieses Object bin, so bin ich als solches notwendig beschränkt, sollte es auch nur in der Zeit seyn, also nicht absolut; also ist in dem absoluten Ich kein Bewußtsein denkbar, als absolutes Ich hab ich kein Bewußtsein, und insofern ich kein Bewußtsein habe, insofern bin ich (für mich) nichts, also das absolute Ich ist (für mich) Nichts.

    So schrieb ich noch in Waltershausen, als ich seine ersten Blätter las, unmittelbar nach der Lectüre des Spinoza, meine Gedanken nieder; Fichte bestätiget mir…

    [Die nächsten Zeilen fehlen, da der untere Teil des Blattes abgerissen ist]

  9. Tschugg bei Erlach, 30. August 1795

    Hegel an Schelling

    Dein […] Versuch, Fichtes Grundlage zu studieren […] [hat] mich in den Stand gesetzt, in Deinen Geist einzudringen und seinem Gange zu folgen, viel mehr, als ich es noch bei Deiner ersten Schrift im Stande war, die mir aber jetzt durch Deine zweite erklärt wird. […]

    Was mir dunkel und unentwickelt vorschwebte, hat mir Deine Schrift aufs Herrlichste und Befriedigendste aufgeklärt. […] Was dir im Wege stehen wird, verstanden zu werden […] wird, stelle ich mir vor, überhaupt das sein, daß die Leute schlechterdings ihr Nicht-Ich nicht werden aufgeben wollen. […] Ueber die Folgen, die das Mißverstehen Deiner Grundsätze für Dich haben könnte, bist Du erhaben. Du hast schweigend Dein Werk in die unendliche Zeit geworfen. […]

    Hölderlin höre ich, sei in Tübingen gewesen; gewiß habt Ihr angenehme Stunden mit einander zugebracht; wie sehr wünschte ich, der dritte Mann dazu gewesen zu seyn! […]

    Da Du Tübingen bald verläßt, so sei so gut mich von dem, was Du vorzunehmen im Sinne hast und von dem künftigen Orte Deines Aufenthalts, wie von allen Deinen Schicksalen, bald zu benachrichtigen.

  10. Stuttgart, 25. November 1795

    Hölderlin an Hegel

    Du fragst mich wegen der Repetentenstelle? Du willst Dich durch meinen Entschluß bestimmen lassen? Lieber! da thuest Du Dir Unrecht. Ich habe vorerst die Prätension gar nicht zu machen, tauge schlechterdings nicht dazu, und dann hab’ ich laider! noch ganz besondere Gründe, die ich meinen ehemaligen Tübingen Thorheiten danke. Aber für Dich wär’ es wohl Pflicht, insofern Du den Todtenerweker in Tübingen machen könntest; freilich würden die Todtengräber in Tübingen ihr Möglichstes gegen Dich thun.

  11. 1796

    Hölderlin wird Hauslehrer in einer Frankfurter Bankiersfamilie, verliebt sich in die Ehefrau seines Arbeitgebers und macht sie zur Romanfigur. Ein Jahr später veröffentlicht er den 1. Band seines Briefromans ›Hyperion‹.

  12. Frankfurt am Main, 24. Februar 1796

    Hölderlin an Niethammer

    Die neuen Verhältnisse, in denen ich jezt lebe, sind die denkbar besten. Ich habe viel Muße zu eigener Arbeit, und die Philosophie ist wieder einmal fast meine einzige Beschäftigung. Ich habe mir Kant und Reinhold vorgenommen und hoffe, in diesem Element meinen Geist wieder zu sammeln und zu kräftigen, der durch fruchtlose Bemühungen zerstreut und geschwächt wurde. […]

    Die Philosophie ist eine Tyrannin, und ich dulde ihren Zwang mehr, als daß ich mich ihm freiwillig unterwerfe. In den philosophischen Briefen will ich das Prinzip finden, das mir die Trennungen, in denen wir denken und existiren, erklärt, das aber auch vermögend ist, den Widerstreit verschwinden zu machen, den Widerstreit zwischen dem Subject und dem Object, zwischen unserem Selbst und der Welt, ja auch zwischen Vernunft und Offenbarung, – theoretisch, in intellectualer Anschauung, ohne daß unsere praktische Vernunft zu Hilfe kommen müßte. […]

    Schelling, den ich vor meiner Abreise sah, ist froh, in Deinem Journal mitzuarbeiten und durch Dich in die gelehrte Welt eingeführt zu werden. Wir sprachen nicht immer accordirend miteinander, aber wir waren uns einig, daß neue Ideen am deutlichsten in der Briefform dargestellt werden können. Er ist mit seinen neuen Überzeugungen, wie Du wissen wirst, einen bessern Weg gegangen, ehe er auf dem schlechteren ans Ziel gekommen war.

  13. Tschugg bei Erlach, November 1796

    Hegel an Hölderlin

    …ich kann Dir nicht sagen, wie viel Freude [dein Brief] mir gemacht hat, und noch mehr die Hoffnung, Dich bald selbst zu sehen und zu umarmen. Ohne länger bei dieser angenehmen Vorstellung zu verweilen, laß mich gerade von der Hauptsache sprechen. Dein Wunsch allein, bürgt mir dafür, daß dieses Verhältniß nicht anders, als vorteilhaft für mich seyn kann; ich folge also ohne Bedenken Deinem Rufe, und entsage andern Aussichten, die sich mir darboten. […]

    Wie viel Antheil an meiner geschwinden Entschließung die Sehnsucht nach Dir habe, wie mir das Bild unsers Wiedersehens, der frohen Zukunft, mit Dir zu seyn, diese Zwischenzeit vor Augen schweben wird – davon nichts. Lebe wohl! Dein Hegel.

  14. Frankfurt am Main, 20. November 1796

    Hölderlin an Hegel

    Daß Du erst in der Mitte des Jenners kommst, erträgt HE. Gogel geduldiger, als ich; ich wollte, wir hätten heute Neujahrsabend. HE. Gogel hat Deinen Brief gelesen, und war, wie ich wohl denken konnte, sehr vergnügt darüber. Wenn Du noch der Alte bist, so wirst Du in seinem Karakter und seiner Art, sich zu äußern, sehr viel Beziehung mit Deiner Eigentümlichkeit finden. […]

    Wir wollen brüderlich Müh’ und Freude theilen, alter Herzensfreund! Es ist recht gut, daß mich die Höllengeister, die ich aus Franken mitnahm, und die Luftgeister mit den metaphysischen Flügeln, die mich aus Jena geleiteten, seitdem ich in Frankfurt bin, verlassen haben. So bin ich Dir noch etwas brauchbar. […]

    Ich habe vorgestern von Dir geträumt, Du machtest noch allerlei weitläufige Reisen in der Schweiz herum, und ich wollte mich todtärgern. Nachher hatt’ ich herzliche Freude an dem Traume.

  15. 1798

    Schelling erhält durch Goethes Unterstützung eine Professur in Jena.

    Hölderlin verschafft Hegel eine Hauslehrerstelle in Frankfurt. Mit dem gemeinsamen Freund Isaak von Sinclair diskutieren sie über Philosophie und Politik und unternehmen Wanderungen in der Umgebung.

  16. Bad Homburg, Juli 1799

    Hölderlin an Schelling

    Mein Theurer!
    Ich habe indeß zu treu und zu ernst an Deiner Sache und an Deinem Ruhme Theil genommen, als daß ich es mir nicht gönnen sollte, Dich einmal wieder an mein Dasey zu mahnen. […]

    Ich habe die Einsamkeit, in der ich hier seit vorigem Jahre lebe, dahin verwandt, um unzerstreut und mit gesammelten, unabhängigen Kräften vielleicht etwas Reiferes, als bisher geschehen ist, zu Stande zu bringen, und wenn ich schon gröstentheils der Poesie gelebt habe, so ließ mich doch Nothwendigkeit und Neigung mich nicht so weit von der Wissenschaft entfernen…

    Diese Materialien zusammen veranlaßten mich zu dem Entwurf eines humanistischen Journals, das in seinem gewöhnlichen Karakter ausübend poetisch, dann auch historisch und philosophisch belehrend wäre über Poesie, endlich im Allgemeinen historisch und philosophisch belehrend aus dem Gesichtspuncte der Humanität.[…]

    In jedem Falle, Freund meiner Jugend! wirst Du mir verzeihen, daß ich mich mit dem alten Zutrauen an Dich gewandt und den Wunsch geäußert habe, Du möchtest durch Deine Theilnahme und Gesellschaft in dieser Sache meinen Muth mir erhalten, der durch meine Lage und andere Umstände indessen vielfältige Stöße erlitten hat, wie ich Dir wohl gestehen darf.

  17. 1801

    Hegel veröffentlicht seine Schrift ›Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems‹ und habilitiert sich.

    Hölderlin beginnt eine Hauslehrerstelle in der Schweiz – und gibt sie nach 3 Monaten wieder auf. Zu Fuß macht er sich auf den Weg nach Bordeaux – und kehrt ein halbes Jahr später erneut zurück in die Heimat.

    1802

    Hegel und Schelling gründen das ›Kritische Journal der Philosophie‹ und halten eine gemeinsame, dialogisch angelegte Lehrveranstaltung in Jena.

    1803

    Schelling wechselt an die Universität Würzburg und heiratet Caroline Schlegel.

  18. Bad Cannstatt, 11. Juli 1803

    Schelling an Hegel

    Der traurigste Anblick, den ich während meines hiesigen Aufenthalts gehabt habe, war der von Hölderlin. Seit einer Reise nach Frankreich […] ist er am Geist ganz zerrüttet, und obgleich noch einiger Arbeiten, z.B. des Übersetzens aus dem Griechischen bis zu einem gewissen Puncte fähig, doch übrigens in einer vollkommenen Geistesabwesenheit. Sein Anblick war für mich erschütternd: er vernachlässigt sein Äußeres bis zum Ekelhaften und hat, da seine Reden weniger auf Verrückung hindeuten, ganz die äußeren Manieren solcher, die in diesem Zustande sind, angenommen. – Hier zu Lande ist keine Hoffnung ihn herzustellen. Ich dachte Dich zu fragen, ob Du dich seiner annehmen wolltest, wenn er etwa nach Jena käme, wozu er Lust hatte.
  19. Jena, 16. August 1803

    Hegel an Schelling

    Vor allem laß mich Dir zu Deiner Verheiratung Glück wünschen; billig sollte ich Dir wenigstens ein Sonett darüber schicken, allein Du bist einmal gewohnt mit meiner Prosa überhaupt vorlieb zu nehmen, und diese erlaubt nicht, in solchen Dingen weitläufiger zu sein, als ein Händedruck und eine Umarmung ist. […]

    Ich danke Dir für mancherley Erinnerungen an Schwaben […] Noch unerwarteter die Erscheinung Hölderlins in Schwaben, und zwar in welcher Gestalt! Du hast freylich recht, daß er dort nicht wird genesen können; aber sonst ist er überhaupt über die Periode hinaus, in welcher Jena eine positive Wirkung auf einen Menschen haben kann; und es ist izt die Frage, ob für seinen Zustand die Ruhe hinreichend ist, um aus sich selbst genesen zu können. Ich hoffe, daß er noch immer ein gewisses Zutrauen in mich setzt, das er sonst zu mir hatte, und vielleicht ist dieses fähig, etwas bey ihm zu vermögen, wenn er hieher kommt.

  20. Würzburg, 14. Juli 1804

    Schelling an Hegel

    Vor ohngefähr 4 Wochen überraschte mich Sinclair, es kam mir vor, daß mit den schnell zusammengerafften noch Fichtischen Ideen er sich dann übrigens so ziemlich in die Plattheit begeben hat. Er war auf dem Wege nach Schwaben, Hölderlin dort abzuholen, mit dem er dann auch hieher zurückkam. Dieser ist in einem bessern Zustand als im vorigen Jahr, doch noch immer in merklicher Zerrüttung. Seinen verkommenen geistigen Zustand drückt die Übersetzung des Sophocles ganz aus. Er sagte mir, daß er Bibliothekar des Landgrafen zu Homburg geworden sei, und ging mit Sinclair dahin.
  21. 1805

    Vermittelt durch Schelling erhält Hegel eine außerordentliche Professur in Jena.

    1806

    Hölderlin wird ins Tübinger Klinikum eingewiesen.

    1807

    Hegel wendet sich mit seiner ›Phänomenologie des Geistes‹ von Schelling ab und wird Chefredakteur der ›Bamberger Zeitung‹.

    Hölderlin wird aus dem Klinikum entlassen und in der Familie Zimmer aufgenommen.

    1811

    Hegel heiratet in die Nürnberger Brauereifamilie Tucher ein und veröffentlicht im Folgejahr seine ›Wissenschaft der Logik‹.

    1818

    Hegel tritt in Berlin die Nachfolge von Fichte an.

    1829

    Hegel wird Rektor der Universität Berlin. Ein Versöhnungsversuch mit Schelling scheitert.

    1831

    Hegel stirbt in Berlin und wird neben Fichte beigesetzt.

    1841

    Schelling wird vom preußischen König an die Universität Berlin berufen, um der »Drachensaat« des Hegelschen Denkens ein Ende zu bereiten.

    1843

    Hölderlin stirbt in Tübingen.

  22. Berlin, 11. Februar 1847

    Schelling an Gustav Schwab

    Euer Hochwohlgeborn, haben mich durch Übersendung der neuen Ausgabe von Hölderlins Werken höchlich verbunden; […] wiewohl es ein wehmüthiges Vergnüngen war, mich in der Persönlichkeit des längst (noch vor seinem Tode) entschwundnen Freundes zurückzudenken.

    Meine Erinnerung hat zu dem einen Endpunkt meinen Eintritt in die Nürtinger Schule, wo Hölderlin gegen die andern, den so viel jüngeren zu mißhandeln geneigten Schüler, mein Schutz wurde, zum andern Hölderlins Erscheinung in Kl. Murrhard, wohin er im Frühling 1803 ohne Begleitung, zu Fuß, queerfeldein wie durch Instinct geführt, gelangt war, um mich zu sehen. Es war ein trauriges Wiedersehn, denn ich überzeugte mich bald daß dieses zart besaitete Instrument auf immer zerstört sey. […]

    Während 36 Stunden, die er bei uns im Ganzen verweilte, hat er nichts unschickliches, nichts seinem früheren, edlen und anstandsvollen Wesen widersprechendes weder gethan noch geredet. Es war ein schmerzlicher Abschied auf der Landstraße. Seitdem habe ich ihn nicht wieder gesehen.

  23. 1854

    Schelling stirbt in der Schweiz.

Tübinger Gerüchte

Von Hölderlin und Hegel blieben an ihrem einstigen Studienort vor allem Gerüchte und Anekdoten zurück. Wahres und schlichtweg Erfundenes lässt sich dabei heute kaum noch voneinander unterscheiden. Für die Ausstellung haben wir diese Tübinger Gerüchte gesammelt und sind ihren Ursprüngen nachgegangen. Was glauben Sie? Handelt es sich bei den folgenden Überlieferungen um Gerüchte oder Tatsachen?

  • Der Freiheitsbaum

    Zum Jahrestag der Französischen Revolution errichteten Hegel, Hölderlin und Schelling am 14. Juli 1793 auf dem Tübinger Marktplatz einen Freiheitsbaum und umtanzten ihn.
  • oder

    ?

  • Die Übersetzung der Marseillaise

    Die französische Nationalhymne stand unter den Stipendiaten hoch im Kurs. Schelling hat sie verbotenerweise sogar ins Deutsche übersetzt.
  • oder

    ?

  • Das Unsinnskollegium

    Hegel und Schelling waren Mitglieder einer studentischen Vereinigung, die unter dem Namen ›Unsinnskollegium‹ bekannt war.
  • oder

    ?

  • Der politische ›Clubb‹

    Um sich über die neusten Nachrichten aus Frankreich auszutauschen, trafen sich die Stipendiaten regelmäßig in einem geheimen politischen Club.
  • oder

    ?

  • Der Frühstückswein

    Statt Kaffee tranken die Studenten am Stift Wein zum Frühstück.
  • oder

    ?

  • Der Boulanger

    Im Tübinger Weinlokal Boulanger ging Hegel bereits als Student ein und aus.
  • oder

    ?

  • Die Examensverweigerung

    Der Jahrgangsbeste verweigerte 1793 die Teilnahme am öffentlichen Examen mit Berufung auf Kants Kategorischen Imperativ.
  • oder

    ?

Versteckte Botschaften auf Stammbuchblättern

Durch Anspielungen getarnt oder hinter Zitaten versteckt zeichnet sich in den Stammbüchern der Stipendiaten deren Begeisterung für die Französische Revolution und die damit verbundene Idee der Freiheit und Demokratie ab. In Hegels Stammbuch ist gar von geheimen politischen Treffen die Rede, das Motto aus Schillers verbotenem Drama ›Die Räuber‹ wird zitiert. Shakespeare, Rousseau, griechische und lateinische Autoren spiegeln die Lektüren der Studenten. Zeichnungen, Spitznamen, Junge-Männer-Scherze und Erinnerungen zeugen zudem vom geselligen und freundschaftlichen Miteinander, das sich trotz der wenigen verbleibenden Zeit neben den Vorlesungen in Logik, Ethik, Griechisch und Hebräisch, Mathematik, Physik, Dogmatik und Bibelexegese entwickelte.

Alter Mann

Den Spitznamen »alter Mann« hatte Hegel bereits als Student inne. »Gott stehe dem alten Mann bei. / Vive A ! ! !«, notiert der aus dem elsässischen Mömpelgard stammende Fallot am 12. Februar 1791 in dessen Stammbuch. Daneben karikiert er den Freund als buckligen Alten mit Gehstöcken und Mönchskutte.

Das »Vive A ! ! !« steht höchstwahrscheintlich für »Vive Auguste«, die Hegels zu Studienzeiten umschwärmte.

Butterbrezeln im Boulanger?

Auf der Rückseite erinnert Fallot an Liebesblödigkeiten und gesellige Beisammensein bei Wein und Butterbrezeln »chez le Boulanger«. Ob hier wohl das Gerücht um Hegels Tübinger Lieblingsweinstube herrührt?

Freiheitslieder hinter Klostermauern

»Am guten Tage sei guter Dinge: und am bösen? — je nun, da singe das Freiheitslied«, kommentiert der Freund Harpprecht am 25. Sept. 1792, dem »letzten Tag [seines] Klosterlebens« sarkastisch ins Stammbuch.

Als »Symb[ol]«, ein Erkennungszeichen, das die Stipendiaten über ihre Freundschaften stellten, hält Harpprecht fest:

»Wenn der Winter ausgeschneiet / Tritt der schöne Sommer ein!« – Hoffnungsvolle Aussichten, mit denen sich die Freunde beim Austritt aus dem »Klosterleben« verabschieden.

In tyrannos!

Der 12 Jahre ältere Dichter Gotthold Stäudlin, der in seinen Werken häufig politische Töne anschlug und dafür mit Geldstrafen und Arresten belegt wurde, zitiert Ulrich von Huttens »In tyrannos!« [Wider die Tyrannen].

Als Motto von Schillers ›Räubern‹ war diese 1522 gegen den Pfalzgraf Ludwig vorgebrachte Wendung des politischen Publizisten und Reichsritters von Hutten in aller Munde. Stäudlin und Schiller, die zeitgleich um die dichterische Vorherschaft in Württemberg konkurierten und sich mit scharfen Kritiken und Satiren anfeindeten, hatten sich inzwischen angenähert. Stäudlin bemühte sich bei Schiller sogar um eine Hauslehrerstelle für Hegel, die letztlich Hölderlin bekam.

»Ἓν καὶ Πᾶν«

Auch Hölderlin hat in Hegels Stammbuch ein Freundschaftsandenken hinterlassen. Er zitiert einen Ausspruch aus Goethes ›Iphigenie‹:

»Lust und Liebe sind
die Fittige zu großen Taten.«

Die griechische Losung »Ἓν καὶ Πᾶν« [Eins und Alles], die Hegel und Hölderlin als Erinnerung über ihre Freundschaft stellten und zur Ausgangsfrage ihrer theoretischen und literarischen Werke machten, wurde allerdings von jemand anderem – vermutlich Hegel selbst – daruntergesetzt.

Hegel und Hölderlin kommentiert

Das Verhältnis von Subjekt und Objekt, Einheit und Entzweiung, der Freiheit des Einzelnen und seiner Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft beschäftige Hölderlin und Hegel gleichermaßen. Während Hegel diese Themen theoretisch aufarbeitete, übersetzte sie Hölderlin auch ins Literarische. Ulrich Schlösser und Florian Neuner vom Philosophischen Seminar der Eberhard Karls Universität Tübingen haben zentrale Passagen aus den Werken der beiden herausgegriffen und kommentiert. Die Künstlerin Veronika Reichl hat dies in Form von Zeichnungen fortgeführt, die sich auf die Zitate beziehen.

Sein & Einheit

Anführungszeichen
Vereinigung und Seyn sind gleichbedeutend; in jedem Saz drükt, das Bindewort: ist, die Vereinigung des Subjekts und Prädikats aus – ein Seyn, Seyn kan nur geglaubt werden

Hegel: Frühe Schriften

Anführungszeichen
Die seelige Einigkeit, das Seyn, im einzigen Sinne des Worts, ist für uns verloren und wir mussten es verlieren, wenn wir es erstreben, erringen sollten. Wir reißen uns los vom friedlichen Hen kai pan der Welt, um es herzustellen, durch uns Selbst.

Hölderlin: Vorrede zur vorletzten Fassung zum Hyperion

Ein umfassendes Sein und der unmittelbar harmonische Ausgleich zwischen Mensch und Welt ist zentral für Hegel und Hölderlin, unsere Beziehung zu ihnen aber komplex:

Nur weil es den Verlust gibt, wissen wir von uns selbst und der Einheit. Es gibt für uns keine Möglichkeit, positiv von der Einheit zu wissen. Wir wissen nur negativ von ihr, nur als verlorene, denn sobald wir von ihr wissen, ist sie verloren. Die Verlorenheit ist der Modus, in welchem die Einheit im Bewusstsein vorhanden ist: Dieses Wissen ist ihr negativer Stellvertreter. Hegelisch weitergedacht bedeutet das: Glaube ist die positive Wendung der Negation, als welche das Sein im Bewusstsein vorhanden ist. Weil wir nicht direkt und nicht positiv von ihr, der Einheit, wissen können, ist sie Sache des Glaubens. Negativ ist sie Verlust und als solche ist sie als nichtvorhandene vorhanden. Positiv ist sie als Glaube in uns: Sie ist da als Vorhandene nicht vorhanden.

Liebe

Anführungszeichen
Diß eigne Aufheben ist sein Seyn für anderes; worein sein unmittelbares Seyn umschlägt. Sein eignes Aufheben wird jedem am Andern als Seyn für andres. Das Andre ist also für mich, d. h. es weiß sich in mir. Es ist nur Seyn für Andres d. h. es ist ausser sich. Diß Erkennen ist die Liebe.

Hegel: Jenaer Systementwürfe

Das Verhältnis zwischen Einheit und Differenz bzw. Unterschiedensein hat Hegel und Hölderlin bei vielen Phänomenen interessiert. Die Liebe findet in diesem Kontext besondere Aufmerksamkeit: Ich bin in ihr nicht einfach so, wie ich mir unmittelbar gegeben bin, sondern bin auch für den Anderen da, mache seine Anliegen zu meinen – gerade so, wie er es in Bezug auf mich tut. Wenn sich beide gänzlich zugunsten des Anderen aufheben würden, kann das natürlich nicht klappen. Für Hegel ist die Liebe ein Anerkennungsverhältnis, in dem beide sich sowohl im anderen finden als auch diesem seine Selbstständigkeit lassen.

Anführungszeichen
Wie der Zwist der Liebenden, sind die Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist mitten im Streit und alles Getrennte findet sich wieder.

Hölderlin: Hyperion

Auch Hölderlin ist zu viel Einheit suspekt: Dissonanzen gehören zur Welt wie der Streit zu den Liebenden. Die Kraft liegt in der Fähigkeit zur Versöhnung. Die Versöhnung setzt Streit voraus. Sie gelingt nur, wenn man die Liebe als Versuch versteht, die Andersartigkeit gleichzeitig zu überwinden und zu erhalten.

Freiheit

Anführungszeichen
Es ist aus, Diotima! unsre Leute haben geplündert, gemordet, ohne Unterschied, auch unsre Brüder sind erschlagen, die Griechen in Misistra, die Unschuldigen, oder irren sie hülflos herum und ihre todte Jammermiene ruft Himmel und Erde zur Rache gegen die Barbaren, anderen Spitze ich war. Nun kann ich hingehn und von meiner guten Sache predigen. O nun fliegen alle Herzen mir zu! Aber ich habs auch klug gemacht. Ich habe meine Leute gekannt. In der That! es war ein außerordentlich Project, durch eine Räuberbande mein Elysium zu pflanzen.

Hölderlin: Hyperion

Hölderlin gestaltet die Erfahrung des Scheiterns im Freiheitskampf in seinem Roman ›Hyperion‹ literarisch. Er verbindet damit zwei Themen und Welten, die für sein Schaffen leitend waren: die Begeisterung für die Französische Revolution und die Liebe zu Griechenland. Ihm schwebte in der Schönheit ein Ideal einer Einheit der Gegensätze vor, das die griechische Antike in seiner Vorstellung belebte.

Darin soll die Dichtung, als Verwirklichung dieser Schönheit und damit jener Einheit, dem Handeln und der Liebe überlegen sein. Handeln nämlich trägt die bei Hegel angesprochene Möglichkeit des Scheiterns und der entfremdenden Verkehrung in sich. Mehr noch: Es scheint in sich selbst widersprüchlich und bringt eine aporienhafte Wirklichkeit zum Vorschein. Außerdem ist das Resultat des Handelns nur von kurzer Dauer und die Ideale der Revolution können für eigene Zwecke missbraucht werden, was Hyperions Verzweifl ung im obigen Zitat ausdrückt. Eigentlich wollte er sich dem griechischen Freiheitskampf anschließen. Dieser fand ein paar Jahre vor der französischen Revolution tatsächlich statt und Hölderlin parallelisiert ihn damit. Er muss aber einsehen, dass seine Streitgenossen nicht dieselben hohen Ziele im Kopf und vor allem im Herzen haben: Von der Gesinnung her sind sie eher einer Räuberbande vergleichbar.

Hyperions Enttäuschung ist hierbei doppelt: Einerseits zeigt sich das wahre Gesicht der angeblichen Revolutionäre, anderseits erkennt er, dass das Griechenland, wie es ihm in seinem Ideal der Antike vorschwebt, in seiner Zeit nicht wiederzufinden ist: Ruinen und der Verfall der Gesinnungen treten vielmehr zu Tage.

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Hiermit ist der Geist als absolute Freyheit vorhanden; er ist das Selbstbewußtseyn, welches sich erfaßt, daß seine Gewißheit seiner selbst, das Wesen aller geistigen Massen der realen so wie der übersinnlichen Welt, oder umgekehrt, daß Wesen und Wirklichkeit das Wissen des Bewußtseyns von sich ist. […]

In dieser absoluten Freyheit sind also alle Stände, welche die geistigen Wesen sind, worein sich das Ganze gliedert, getilgt; das einzelne Bewußtseyn, das einem solchen Gliede angehörte, und in ihm wollte und vollbrachte, hat seine Schranke aufgehoben: sein Zweck ist der allgemeine Zweck, seine Sprache das allgemeine Gesetz, sein Werk das allgemeine Werk. […]

Das einzige Werk und That der allgemeinen Freyheit ist daher der Tod, und zwar ein Tod, der keinen innern Umfang und Erfüllung hat, denn was negirt wird, ist der unerfüllte Punkt des absolutfreyen Selbsts; er ist also der kälteste, platteste Tod, ohne mehr Bedeutung, als das Durchhauen eines Kohlhaupts oder ein Schluck Wassers.

Hegel: Phänomenologie des Geistes

Philosophie & Poesie

Nicht nur Hölderlin verbindet Poesie und Theorie in seinem Schaffen. Auch Hegel hat sich in der Sprache der Poesie versucht. Sein Gedicht ›Eleusis‹, entstanden im August 1796 am Bieler See in der Schweiz, hat er Hölderlin gewidmet, der in seiner ›Rhein‹-Hymne auf den einstigen Musenplatz seines Freundes zurückverweist.

Poesie und Philosophie gehörten für die beiden unbedingt zusammen. Das geht aus dem sogenannten ›Ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus‹ deutlich hervor – ein Manuskript, an dem neben Hegel vermutlich auch Hölderlin und Schelling Anteil hatten: »Ich bin nun überzeugt«, heißt es darin, »daß der höchste Akt der Vernunft […] ein ästhetischer Akt ist und daß Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind. Der Philosoph muß ebensoviel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter. Die Poesie […] wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit«.

Hegels Gedichtmanuskript ›Eleusis‹ aus der Bibliothek der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.

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Mein Aug erhebt sich zu des ew’gen Himmels Wölbung,
zu dir, o glänzendes Gestirn der Nacht!
und aller Wünsche, aller Hofnungen
Vergessen strömt aus deiner Ewigkeit herab;

Friedrich Wilhelm Georg Hegel: Eleusis. An Hölderlin. August 1796

Hölderlins Gedichtmanuskript ›Der Rhein.‹ aus dem Stadtarchiv Bad Homburg, Depositum der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart

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Am Bielersee in frischer Grüne zu sein,
Und sorglos arm an Tönen,
Anfängern gleich, bei Nachtigallen zu lernen

Friedrich Hölderlin: Der Rhein. An Isaack von Sinclair 1800

Hegel lesen. Lektüreerfahrungen in Text und Bild

Hegel und Hölderlin loteten in ihren Werken die Fähigkeiten der Sprache aus und trieben sie in ihren Texten bis an ihre äußersten Grenzen. Hölderlins ungewöhnliche Satzkonstruktionen stehen Hegels zirkulierenden Gedankengängen darin in Nichts nach. Ihre Leserinnen und Leser stellen sie damit vor eine Herausforderung. Umso kreativer und produktiver gestaltet sich der Versuch, ihren Texten habhaft zu werden, umso intensiver die Leseerfahrung. Frustrations- und Glücksmomente wechseln sich ab.

In einer Reihe von Interviews hat die Künstlerin Veronika Reichl Lektüreerfahrungen zu Hegel gesammelt und in Zeichnungen und Geschichten übersetzt.

Veronika Reichl: ›Tom liest Hegel und schweigt‹

Veronika Reichl: ›Endlich liest Kati Alexandre Kojève‹

» Hegels Sätze treffen etwas in Dana. Etwas in ihrem Bewusstsein antwortet in sehr ähnlicher Art auf Hegels Worte, wie ihre Wirbelsäule antwortet, wenn ihre Yoga-Lehrerin sagt: Unsere Wirbelsäulen schmelzen in den Boden. Denn Danas Wirbelsäule tut das – mit großer Begeisterung –, noch bevor Dana sich den Satz ganz bewusst gemacht hat. «

Veronika Reichl: ›Hegel verblüfft Judith Butler, Judith Butler verblüfft Dana‹

» Wenn jedes Wort und jeder Satz von Hegel alle denkbaren Bedeutungen mitmeint, entstehen ungeheure Vielheiten von Bedeutungsbläschen nebeneinander, die sich teils bestätigen, teils widersprechen und so zu einem guten Teil gleich wieder aufgrund ihrer Undeutbarkeit zerfallen, doch ohne ganz zu verschwinden. Und jeder neue Satz bringt neue Bläschen, die die alten zum Teil neu zu deuten erlauben und so in noch mehr Bläschen teilen: Es entsteht ein ungeheurer Schaum von Bedeutung. «

Veronika Reichl: ›Hegel verblüfft Judith Butler, Judith Butler verblüfft Dana‹

» Manchmal hat Tom die Empfindung, Hegel antworte prophylaktisch auf mögliche Fragen und Anmerkungen seiner Leser. Doch damit antwortet er nicht auf Tom und vor allem hat Tom trotzdem nichts gesagt. «

Veronika Reichl: ›Tom liest Hegel und schweigt‹

» Hegel, dieser Drache, kann offensichtlich gar nicht anders: Wann immer er etwas denkt, faltet sich diese Figur auf neue Weise auf und im Auffalten auch schon wieder zu. «

Veronika Reichl: ›Sven denkt in Denkfiguren‹

» Der Dozent liest Hegel, als ob alles ohne Rest aufginge. Hegel selbst behauptet ja immer wieder, dass mit ihm eine riesige Bewegung ende. Etwas vollende sich und bilde nun eine gewaltige, fertige Ordnung. Der Staat Preußen und so weiter. Dann stehe alles still. Das kann Boris nicht ernst nehmen. «

Veronika Reichl: ›Boris liest etwas, das nicht aufgeht, und schaut ›House of Cards‹‹

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Philosophischen Seminar der Eberhard Karls Universität Tübingen (Prof. Dr. Ulrich Schlösser). Sie knüpft an die vorausgegangenen Hegel-WG-Ausstellungen im Literaturmuseum der Moderne des Deutschen Literaturarchiv Marbach und im Hegel-Haus Stuttgart an und führt diese in Tübingen, am Ort des Geschehens, fort.

Ausstellung: Dr. Sandra Potsch (Museum Hölderlinturm Tübingen) mit Prof. Dr. Ulrich Schlösser und Florian Neuner (Eberhard Karls Universität Tübingen); Gestaltung: Hannes Häfner; Zeichnungen: Veronika Reichl; Philosophie-Roboter: Fabian Neidhardt und Max Stieler; Manuskripte und Objekte: Deutsches Literaturarchiv Marbach, Hölderlin-Archiv Stuttgart und Bibliothek der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Dank an Prof. Dr. Johann Kreuzer, Beate Martin (Evangelisches Stift Tübingen) und Dr. Axel Kuhn für ihre Mithilfe und Anregungen sowie PD Dr. Stefan Gerlach, Prof. Dra. Miriam Madureira, Anita Watzel, Anna-Lisa Sander, Ana Munte, Emma Kroll-Reisser, Florian Neuner und Federica Gonzalez Luna Ortiz für ihre Beiträge zur Ausstellung.

Das Magazin zur Ausstellung

Im Schaum dieser Sprache
Hegel lesen
Texte und Zeichnungen von Veronika Reichl
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Sandra Potsch

ISBN 978-3-941818-43-9

104 Seiten

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